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Kunst am Bau
Rutishauer / Kuhn, Standpunkt
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Allgemeiner Beschrieb
Das Projekt Standpunkt geht von der baulichen Situation im Schloss Wartensee aus, den beiden alten Gebäudeteilen und dem zentralen Mittelbau und nimmt die architektonische Position des Neubaus als verbindendes Element auf. Durch den Kurs- und Hotelbetrieb, das heisst die spezifische Art der Nutzung von Schloss Wartensee, wird die Vielschichtigkeit des Projekts Standpunkt erlebbar.
Foyer / Halle
Auf der Fensterfront des Foyers ist zweimal eine Wörterliste, die den Begriff Standpunkt lexikalisch variiert, sichtbar; die Liste ist dabei für die Ankommenden von Aussen (links des Einganges), ebenso wie für die das Haus Verlassenden von Innen (links des Ausganges), lesbar; sichtbar sind beide Listen von beiden Seiten.
Begriffe wie Mittelpunkt, Blickpunkt, Kritikpunkt, Kernpunkt und so weiter geben dabei Hinweise auf die Bestimmung des eigenen Standpunktes, der eigenen Position. Durch die zweifach spiegelverkehrte Anordnung der von Innen wie von Aussen les- und sichtbaren gleichen Begriffe, entsteht eine vordergründige Visualisierung der Problematik Position beziehen, einen Standpunkt einnehmen, einen Standpunkt vertreten und so weiter, die dadurch verstärkt wird, dass die jeweils andere Position, die Gegenposition gewissermassen, vom eigenen Standpunkt aus räumlich mit sichtbar ist.
Auf der den Eintretenden frontal sichtbaren Rückwand des Foyers ist die Schriftzeile STANDPUNKT angebracht. Die Schrift bezeichnet nicht nur den Titel der Arbeit, sondern verweist ebenso zurück auf die Begriffe auf der (durchlässigen) Fenster- und Eingangsfront, der die Eintretenden nunmehr den Rücken zuwenden. Durch die Positionierung der Schrift auf der Wand entsteht einerseits der Anfang einer neuen, in diesem Fall aber nicht vollständig ausgeführten Liste, andrerseits bleibt die Wand als Projektionsfläche für diejenigen Wörterlisten frei, die den jeweils eigenen, persönlichen Standpunkt bestimmen und ausmachen.
1. / 2. Obergeschoss
Aus dem Foyer als dem Zentrum der Anlage wird die Arbeit Standpunkt an vier Punkte im 1. und 2. Obergeschoss dezentralisiert. In den Durchgängen aus dem Treppenhaus Ost in den Mitteltrakt (Gang 1. Obergeschoss und Brücke 2. Obergeschoss) und in den Durchgängen aus dem Treppenhaus West in den Mitteltrakt (Gang 1. Obergeschoss und Brücke 2. Obergeschoss), also an den Stellen, wo der Neubau an die bestehenden, alten Bauten anschliesst, sind exemplarisch vier Standpunkte als Koordinatenschnittpunkte genau bestimmt und bezeichnet. In der Grösse des jeweiligen Mauerdurchbruchs ist an den vier Stellen je eine Sandsteinplatte verlegt, die den Eichenriemenboden unterbricht und materiell auf das Erdgeschoss zurückverweist. Auf der Sandsteinplatte ist der jeweils genaue Standpunkt (das ist die Koordinate des Punktes sowie seine Höhe über Meer) eingraviert und mit Blei bodeneben ausgegossen.
Auf dem Koordinatenstandpunkt stehend, ergeben sich somit keine Probleme bei der Definition des eigenen Standpunktes. Einerseits stellt sich jedoch die Frage nach dem zweiten, am andern Ende des Ganges sichtbaren (Gegen-)Standpunkt, der sich zwar in der Höhe über Meer nicht vom eigenen Standpunkt unterscheidet, in den Koordinaten aber um ungefähr 12 Meter abweicht, andrerseits nach dem andern über oder unter dem momentanen Standpunkt liegenden Punkt (im 1. Oder 2. Obergeschoss), der sich in den Koordinaten zwar nicht unterscheidet, aber in der Höhe über Meer abweicht.
Der eigene Standpunkt weicht damit in einen einzelnen Aspekt in jedem Fall vom Gegenstandpunkt ab, stimmt aber in einem zweiten Aspekt durchaus mit diesem überein.
Die Arbeit Standpunkt geht somit von einem zweifachen Bezugssystem aus. In einem ersten System wird das Thema Standpunkt verbal erörtert (Standpunkt/Wörterlisten); die Besucherinnen und Besucher werden gleichsam aufgefordert, über ihren eigenen Standpunkt nachzudenken. Das so angesprochene verbale Verständnis verweist unter Einbezug der Gegenposition auch auf die Wichtigkeit der Kommunikation zur Bestimmung der Standpunkte.
In einem zweiten System (Koordinatenstandpunk) wird der Standpunkt geografisch, das heisst technisch, anhand eines globalen Vermessungssystems, bestimmt. Der Begriff STANDPUNKT erhält so neben der kommunikativen persönlichen eine zweite, diesmal klar definierte Deutung, die erstens die Frage nach dem eigenen Standpunkt stellt und zweitens auch über das Schloss Wartensee und den einzelnen Menschen hinausverweist und beide Teil eines weltumspannenden Ganzen werden lässt.
Rutishauser / Kuhn, 1996 |
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Elisabeth Nembrini, Geweih
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Hintergrund:
Bei meiner Beschäftigung mit organischen Formen, mit Verzweigungen, Symmetrie und Abweichung, mit dem Tier, stiess ich auch auf Geweihformen, die mich in ihren verschiedenen Stadien äussert faszinieren: Weich, empfindlich, pelzig und schliesslich blutend im Wachstum (eigentlich, solange das Geweih lebendig ist) - später für kurze Zeit hart, glatt und knöchern. Jedes Tier entwickelt eine individuelle Form des Geweihs, links und rechts verschieden, jedes Jahr neu und anders. Es handelt sich um ein einerseits äusserst lebendiges, andererseits aber kurzlebiges und vergängliches Phänomen.
Geweihe mit einem Schloss in Verbindung zu bringen ist naheliegend. Bekanntlich wurde im Umfeld von Schlössern früher vor allem Damwild gehalten - nicht zuletzt mit der Aussicht auf prestigeträchtige Trophäen.
Meine Phantasien in bezug auf Geweihe in Schloss Wartensee haben aber noch andere Anknüpfungspunkte: Die uralte riesige Zeder mit ihren fächerartig verzweigten Ästen, bevor man das Gebäude betritt, das weitverzweigte Labyrinth der Gänge und Zimmer im Innern und die geschichtliche Natur-Kultur Verbindung durch das Damwild bilden für mich ausreichend assoziative Aufforderungen, verzweigte Formen an diesem Ort zum Thema zu machen.
Geweihschaufeln sollen hier also nicht als Trophäen im herkömmlichen Sinn eine Rolle spielen. Sie werden zu Symbolträgern einerseits für geistiges Wachstum und Veränderung, andererseits sprechen sie in der Positiv- wie in der Negativerscheinung eine sinnliche Ebene an.
Wachstum und Veränderung können auch für Besucherinnen und Besucher von Schloss Wartensee wichtig sein - vielleicht will man ja im Verlauf einer Weiterbildung nicht nur zu sich selber kommen, sondern auch noch ein Ende zulegen.
Abgüsse von Damhirschgeweihen kommen an den alten Schlosswänden mehr oder weniger weit hervorspriessend zum Vorschein.
An einem Ort können sie vor allem durch die eigene Bewegung im Raum wahrgenommen werden: Wenn man sich nach dem Eintritt ins Foyer nach links in den Ostteil begibt, wächst beim Vorbeigehen eine Geweihschaufel von der kleinsten Knospe in einer Reihung bis zur vollen Grösse aus der Wand heraus.
Frontal davorstehend sind vor allem Schattenformen zu entdecken - mit dem Entlanggehen werden dann auch die Spitzen und Schaufeln, ihre Drehungen in der Wuchsrichtung und das Auf- oder Abtauchen richtig sichtbar. Sie können, je nachdem, ob man das Gebäude betritt oder verlässt, anders gesehen werden.
Begibt man sich in den Westteil des Gebäudes, bewegt man sich durch einen aufsteigenden Gang. In dieser Höhle trifft man auf eine Reihe von Öffnungen, die sich bei Fortschreiten in Form und Tiefe verändern.
Die Reihe der Öffnungen erweist sich erst bei Anfassen und erst in Kenntnis der Geweihschaufeln im Ostteil als deren negatives Gegenstück, als Geweihhohlräume, als Negative in den dicken Mauern. Nur ein kleiner Teil davon kann von aussen visuell und durch Tasten wahrgenommen werden, der Rest bleibt unerreichbar.
An anderen Stellen des Schlosses gibt es schon Ähnliches: Schiessscharten, Fenster, Durchblicke. Alle münden nach einer schmalen Öffnung in einen breiten Hohlraum.
Abgesehen von dieser Verwandtschaft bildet die organische Erscheinung der Geweihe einen formalen Gegenpol zur Architektur.
Das sonst scheinbar triviale und bekannte Thema kann so neu gesehen werden und soll in dieser Form persönliche, individuelle Assoziationen ermöglichen.
Elisabeth Nembrini, 1996 |
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